Offenberger Dialoge

 

 

3. Die erlebte Wirklichkeit: Lebensglück – Gesundheit und Freude

Dem steht nun die Realität des einzelnen Lebens gegenüber – und in der Gesellschaft die kollektive Wirklichkeit, die in ihren Durchschnittswerten nie den Idealen entspricht.

Es hat zweifellos noch nie eine gesamte Gesellschaft gegeben, in der alle Mitglieder eine stete Reifung bis zur biologischen Lebensgrenze in guter Gesundheit und ungetrübter Lebensfreude genießen konnten.

Früher starb die Mehrheit früh und erlebte den Gipfel an Gesundheit und Freude in der Kindheit und in der Jugend, in der naiven Lebensfreude des noch nicht geschädigten Körpers. Noch in der Renaissance galt der Leitspruch "Wer da will fröhlich sein, nütze die Stunden – schön ist die Jugendzeit, doch schnell entschwunden".

In der modernen Gesellschaft hat sich die Lebensglückskurve nach oben verschoben und entspricht nun eher dem Gipfel-Leitbild mit einem Höhepunkt an Gesundheit und Freude von 25 bis 35 Jahre. Und der Abstieg wird immer flacher. Doch das Plateau-Leitbild ist von der Wirklichkeit noch nicht erreicht – außer in einigen besonders begünstigten Populationen. Doch Medizin, soziale Sicherheit und der allmähliche Übergang von der Arbeitsgesellschaft zur Hobby-Gesellschaft wirken zusammen, das Plateau des guten Lebens bis ins Pensionsalter auszudehnen.

Quelle: Thorsten Nicolas "Älterwerden", S.20

 

In Deutschland erhalten sich etwa heute schon 60 Prozent der über Neunzigjährigen volle Lebenskompetenz, also die Möglichkeit eines erfüllten autonomen Lebens. Allerdings sind es unter den so Alten nur mehr einzelne, die auch noch "leidfrei", in Gesundheit und Freude, auf der Höhe ihrer Reifung stehen.

 

Von einer Umfrage bei einer einprozentigen Stichprobe der Wiener Haushalte ("Leben in Wien 1994") mit 7248 befragten Personen liegen Messungen der Lebenszufriedenheit vor, die einigen Einblick in die reale Befindlichkeit einer modernen Großstadtbevölkerung gewähren. Eine Aufgliederung der Ergebnisse zur "allgemeinen Lebenszufriedenheit" nach Altersgruppen (15-29, 30-39, 40-59, 60+) liegt vor – aus der sich ein grobes Bild der realen Lebensverläufe im Durchschnitt abzeichnet. Insgesamt betrachtet zeigt sich das Bild eines Lebensverlaufes, der zwischen dem Leitbild "Gipfel" und Plateau" liegt.

 

Das "Plateau" an Lebensglück erstreckt sich, leicht abfallend, bis zum "Pensionsalter" – und endet mit einem deutlichen "Abstieg" ins Seniorat.

Für Männer und Frauen sieht das durchschnittliche Niveau an Lebenszufriedenheit nach Altersstufen aber sehr unterschiedlich aus.

 

Die Verteilungen bilden fast in idealer Weise die beiden Lebensentwurfstypen "Reifung" für die Männer und "Gipfel" für die Frauen ab. Bis Anfang der Vierziger sind die Frauen mit ihrem Leben zufriedener als die Männer, in der zweiten Lebenshälfte sind die Männer meist glücklicher als die Frauen.

Es ist aber zu bedenken, daß diese Daten aus einem einzelnen Zeitpunkt noch keine zuverlässigen Aussagen über Lebensverläufe erlauben. Es könnte auch ein Generationeneffekt in solcher Weise vorliegen, daß in der Generation, die heute jünger als vierzig ist, die Emanzipation der Frauen die Lebenszufriedenheit der Geschlechter umgekehrt hat: Vorher waren die Männer glücklicher, nun sind es die Frauen. Die eindrucksvolle Differenzierung in den beiden Kurven macht zwei Hypothesen wahrscheinlich:

  1. geschlechtsdifferenzierte Lebensphasen: Frauen verlieren nach ihrer biologischen Reproduktionsphase an sozialem Anwert und an Lebensglück – Männer gewinnen mit zunehmendem Alter an gesellschaftlicher Dominanz und Zufriedenheit.
  2. Statusumkehr durch die Frauen-Emanzipation: In der traditionellen Gesellschaft hatten es die Männer besser als die Frauen, in den letzten 30 Jahren hat sich das umgekehrt – doch diese Rollenumkehr hat sich nur bei der nachwachsenden Generation durchgesetzt (weil sie eng mit der beruflichen und bildungsmäßigen Aufwertung der Frauen verbunden ist).

Inwieweit die Emanzipations-Hypothese gerechtfertigt ist, läßt sich an der Analyse der Daten nach Bildungsstufen bis zu einem gewissen Grad abschätzen. Wenn es vor allem die bessere Bildung und soziale Stellung der jüngeren Frauen ist, die diese weibliche Generation glücklicher macht, so müßten die hochqualifizierten älteren Frauen den ebenso gebildeten Männern ebenbürtig sein – und die weniger qualifizierten älteren Herren keinen Vorsprung vor den Frauen haben. Kurz: Wäre die reale Anhebung des Bildungs- und Berufs-Niveaus der Frauen durch die Emanzipation allein für den beobachteten Unterschied zwischen den Geschlechtern in der Lebensgunst ausschlaggebend, so sollte es auf demselben sozialen Niveau keinen Geschlechtsunterschied bei den "Lebensverlaufskurven" geben.

Die Daten liefern kein so klares Urteil für oder wider eine der beiden Hypothesen. Es dürften beide Effekte bestehen: Männer gewinnen eher durch das Alter, Frauen büßen eher ein – doch die Emanzipation der Frau mildert diesen Unterschied beträchtlich.

 

Bildung und soziale Stellung sind für das Niveau der Lebenszufriedenheit in hohem Maß entscheidend, bei Frauen wie bei Männern. Die Zufriedenheit steigt aber mit zunehmendem Alter ausschließlich bei den höher gebildeten Männern.

Das spricht deutlich für die Hypothese, daß die Realität der Lebensverläufe auch in unserer modernen Gesellschaft den Idealtypus der steten "Reifung" zu höherer Lebenszufriedenheit nur den besser gebildeten Männern bietet – und daß heute alle Lebensentwürfe nebeneinander bestehen, immer mehr individualisiert.

Diese Wiener Daten entsprechen, mit der Präzision bester sozialwissenschaftlicher Messung, den vielfältigen Ergebnissen, Beobachtungen und Mutmaßungen in anderen Ländern: Die Einheit der Lebensentwürfe und damit auch der gesellschaftlich bestimmten Lebensphasen ist in Auflösung begriffen.

Alle sozialwissenschaftlichen Befunde deuten darauf hin, daß die Unterschiede zwischen den persönlichen Lebensentwürfen die moderne Gesellschaft in Subkulturen, Life Styles und religiöse wie ideologische "Sekten" zu spalten drohen – und daß die Divergenz zwischen den individuellen Life Scripts und den normierten Lebensphasen immer größer wird. Das Rezept der pluralistischen Gesellschaft (mit der Prägung sozialer Marktwirtschaft), die Individuen immer mehr für sich selbst sorgen zu lassen – durch Bildungsschecks wie durch breite Streuung der Kapitalanlagen, durch private Altersvorsorge wie durch Pflegeversicherungen -, verlangt vom Einzelnen mehr an Voraussicht und Risikobereitschaft, als die Mehrheit aufzubringen imstande ist. Eine intelligente Gesellschaft müßte, in einem offenen Diskurs, neue politische Regelungen flexibler Lebensphasen, im Rahmen sozialkollektiver Versicherungsformen, erfinden und etablieren. Die langfristige Vorsorge für Gesundheit, Kompetenz und Freude müßte dabei gleichzeitig die Lebens-
entwürfe und die Realität so verändern, daß das Life-Script der steten Reifung nicht mehr bloß einer kleinen Elite vorbehalten bliebe – und der Lebensentwurf des "Plateaus" auch für die Frauen und die sozial Schwächeren immer mehr mit der Realität im Einklang stünde.

Andererseits könnte eine breite kulturelle und politische Bewegung für eine Lebensordnung der steten "Reifung" eine solche Entwicklung beschleunigen. Der Impuls dazu müßte aus den Interessen einer immer größer und mächtiger werdenden Senioren-Generation und aus religiösen wie quasi-religiösen Glauben an die "geistige Vollendung" als Lebensziel seine Kraft ziehen.

 

LITERATURVERZEICHNIS

 

Bobbio N., Vom Alter – De senectute, Verlag Klaus Wagenbach, Berlin 1997

Eibl-Eibesfeldt I., Die Biologie des menschlichen Verhaltens – Grundriß der Humanethologie, Verlag Piber, München 1997

Endepohls M., Lebensphasen im Wandel, Alltagspsychologische Definitionen des Jugend- und Erwachsenenalters, Holos Verlag, Bonn 1995

Erikson E., Der vollständige Lebenszyklus, Verlag Suhrkamp, Frankfurt am Main 1995

Gerlach H., Lebensphilosophie, in: Hörz H. u.a. (Hrsg.), Philosophie und Naturwissenschaften, Wörterbuch zu den philosophischen Fragen der Naturwissenschaften, Pahl-Rugenstein Verlag, Bonn 1996, S.508-510

Jung C., Die Lebenswende, in: Jung L., Seelenprobleme der Gegenwart, Gesammelte Werke, Deutscher Taschenbuchverlag, München 1997, S. 157 – 172

Kohli M., Social Organization and Subjective Construction of the Life Course, in: Sorensen u.a. (Hrsg.), Human Development and Life Course: Multidisciplinary Perspectives, Lawrence Erlbaum Associates Publishers, London 1986, S. 271 – 292

Moritz R., Die Philosophie im alten China, Deutscher Verlag der Wissenschaften, Berlin 1990

Müller K., Weniger Streß statt mehr Geld – über die vielschichtigen Zusammenhänge von Gesundheit und Lebensbedingungen, in: Wiener Zeitung vom 9.1.1998, Institut für Höhere Studien in Wien

Wuketits F., Zustand und Bewußtsein, Leben als biophilosophische Synthese, Hoffmann und Campe, Hamburg 1985

 

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