Offenberger Dialoge

 

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Lebensphasen und Lebensentwürfe
als Faktoren gesellschaftlicher Entwicklung

 

Ernst Gehmacher

 

November 1998 / Schloß Offenberg

 

 

Einleitung:

Jede Gesellschaft zwingt den Lebensverlauf der Menschen in mehr oder weniger starre Muster, in vorgegebene Lebensphasen:

Normen, Gesetze, Ordnungen scheiden Jugend vom Erwachsenenalter, Aktivalter vom Ruhestand. In sehr unterschiedlicher Art, nach Kulturen, Zeiten, Ländern.

Der persönliche Lebensentwurf des Einzelnen deckt sich selten damit. Er kann sehr verschieden sein: Kerze, die an beiden Enden brennt – Arbeit an sich selbst bis zur letzten Vollendung.

Die Realität der Lebensbahn ist wiederum etwas anderes, da spielen Schicksal und Geschichte mit.

Verknüpft sind alle drei Faktoren: die Phasen-Einteilung der Gesellschaft, das Life Script des Individuums, die Wirklichkeit des Einzelnen, in der Summe wiederum Eigenheit der Gesellschaft.

Eine Gesellschaft ist "klug", wenn ihre Lebensphasen mit den individuellen Lebensentwürfen und der Realität gut übereinstimmen – wenn für die meisten das Leben seine gute Ordnung hat. Wie sieht es damit in unserer Gesellschaft aus?

 

Altern als gesellschaftliches Problem

Die Fakten:

 

Die Probleme:

Berufe neigt man zur Frühpension. Und die Lebenserwartung steigt dank des zivilisatorischen Fortschritts weiter, näher an das biologische Maximalalter heran.

 

Lösungsansätze:

 

Zu einer umfassenden gesellschaftspolitischen Problemlösung wäre aber ein kultureller Quantensprung in der gesamten Auffassung über die Lebensphasen und Lebensentwürfe notwendig. Eine Utopie? Oder ist dieser Wandel schon im Gang?

 

 

1. Die Ordnung der Gesellschaft: PHASEN

Es ist die Gesellschaft, die das Leben in Phasen einteilt, die durch Normen und Symbole fixiert werden: Initiationsriten, Volljährigkeit, Wahlrecht, Bildungsabschlüsse, Eheschließung, Pensionsberechtigung, Emeritierung. Jede Kultur hat da ihre eigenen Einteilungen des "normalen" Lebens.

Die Lebensphasen der modernen Gesellschaft gehen auf alte europäische Traditionen zurück, die immer wieder in Regeln, Dichtungen, Volksweisheiten dargestellt wurden. Dies hat auch die Phasen der modernen Arbeitsgesellschaft geprägt. Die Vorstellung von der jugendlichen Reifungsphase bis zum Abschluß einer Berufsausbildung oder eines Studiums wird zäh verteidigt gegen die moderne Realität des Lernens bis weit in die Jahre des biologischen und sozialen Erwachsenseins – mit alle den Problemen für die Familiengründung und des Generationenkonflikts. Und die postmoderne Forderung des Life-Long-Learning bricht sich gegen die Tradition der Lebensphasen nur dort wirklich Bahn, wo der Zwang zur beruflichen Mobilität und zum immer neuen Lernen unausweichlich wird.

Genau so eine Schere zwischen Tradition und Wirklichkeit tut sich zunehmend auf bei den späteren Lebensphasen. Die gesellschaftlichen Normen erkennen nicht an, daß es in der Lebensmitte einen sinnvollen Übergang von Berufen mit hohen Ansprüchen an Belastungsfähigkeit zu Berufen mit hohen Ansprüchen an Gereiftheit geben sollte. Sie erkennen auch nicht an, daß ein einheitliches Pensionsalter der Natur der verschiedenen Berufe und Berufstätigkeiten widerspricht. Noch dazu werden derzeit die Probleme des Arbeitsmarktes – den zunehmenden Andrang auf den Arbeitsmarkt durch die Emanzipation der Frau und die Konkurrenz der Regionen, bei gleichzeitiger Verminderung des traditionellen Arbeitskräftebedarfs durch Automation und Rationalisierung – von der Politik vorwiegend so "gelöst", daß man die Arbeitslosen in Frühpensionen und langen Studien "versteckt". Man bastelt einfach an den Lebensphasen herum, durch Veränderung der Lernphase und Pensionsantrittsalters. Gleichzeitig hat sich aber, durch die moderne Hygiene und die Verbesserung der Lebensverhältnisse sowie durch die Fortschritte der lebenserhaltenden Medizin, die durchschnittliche Lebensdauer den biologischen Grenzen genähert. Der Aufwand für die lange Lernphase und die immer länger werdende Ruhestandsphase kann aus der steigenden Produktivität der modernen Gesellschaft zwar ohne weiteres gedeckt werden – doch ergibt sich daraus ein neuer Verteilungskonflikt.

Es könnte auch anders sein. Ein Seitenblick auf die ostasiatische Kultur sei hier als Anregung vorgeschlagen. Die chinesische Tradition sieht die Lebensphasen nicht so strikt an das Alter und an die sozialen Funktionen (Lernen, Arbeit, Ruhe) gebunden. Sie ordnet ihnen nach der Elementenlehre der klassischen chinesischen Medizin dominante innere Zustände zu. Diese werden durch die physikalischen Grundelemente Holz, Feuer, Erde, Metall und Wasser symbolisiert, in etwa entsprechend den Phasen des biologischen Wachstums, des feurigen Sturm und Drangs, der erdigen Fruchtbarkeit, der metallischen Kraft und Klarheit der späteren Reife und zuletzt des Verfließens in den Strom der Unendlichkeit. Diese Elemente symbolisieren aber auch dominante körperliche Funktionen und machen damit klar, daß es im Laufe des Lebens zu einer allmählichen individuellen Veränderung aller physiologischen und psychischen Prozesse kommt. Die Starrheit distinkter Lebensphasen löst sich da auf. Und die moderne ostasiatische Arbeitsgesellschaft spiegelt diese Sichtweise auch in den Normen des täglichen Lebens. Nicht ohne Erfolg, wenn man an das japanische "Wirtschaftswunder" denkt.

Eine stärkere Anpassung der gesellschaftlichen Lebensphasen an die realen Lebensverläufe erscheint für die europäische Gesellschaft empfehlenswert. Und in den Diskussionen um die "Flexibilisierung der Arbeit" und um die "Lern- und Wissensgesellschaft" (mit Life-Long-Learning) bilden sich auch schon neue Konzepte heraus.

 

Graphiken zu Lebensphasen:

(mehr oder weniger deutlich abgegrenzte gesellschaftlich und kulturell definierte Lebensabschnitte)

1.1 europäische Tradition

Kindheit 0 – 14 Jahre
Jugend 14 – 21 Jahre
Erwachsenenalter 21 – 40 Jahre
Reifes Erwachsenenalter 40 – 60 Jahre
Alter über 60 Jahre

1.2 moderne Arbeitsgesellschaft

Lernalter
       
(Matura, Lehrabschluß, Wahlalter, Mündigkeit) 0 – 18 Jahre

Übergangsalter
   
   (höhere Ausbildung, Berufserfahrung,
        Wählbarkeit in Funktion)
18 – 25 Jahre

Volle Berufstätigkeit bis Pensionsalter 25 – 62 Jahre (60/65)

Ruhestand , Seniorat über 62 Jahre

1.3 chinesische Tradition (Elemente-Zuordnung)

Holz (Wachstum) 0 – 16 Jahre

Feuer (Sturm und Drang) 16 – 32 Jahre

Erde (Fruchtbarkeit) 32 – 48 Jahre

Metall (Härte und Kraft) 48 – 64 Jahre

Wasser (Verfließen u. Löschen) über 64 Jahre

 

Alter in Jahren                         0                                                                                                                                                         90

 

2. Der Orientierungsrahmen der Individuen: der Lebensentwurf

Für den einzelnen Menschen zeichnen die gesellschaftlichen Lebensphasen einen Rahmen. Doch viel wichtiger für ihn ist der individuelle Lebensentwurf, nach dem er seine Ziele, seine Bemühungen, sein Sparen oder Verschwenden von Kraft und Geld und vor allem seine Hoffnungen und Enttäuschungen ausrichtet. Manche Psychologen nennen es Life Script, die Vorlage für die eigene Lebensrolle.

Dieser Lebensentwurf kann sehr ins Detail gehen und sowohl Karriereerwartungen wie Partnerwahl und Hobbys enthalten. Doch in jedem Lebensentwurf steckt eine große Landkarte für den Lebensweg, seine Mühen und seine Aussichten. Im wesentlichen kann man dabei drei Arten von Lebenswanderung unterscheiden:

* den raschen Aufstieg zum Gipfel mit Abstieg und Rast,

* das mühsame langsamere Erklimmen eines Hochplateaus,

* der stete und nie endende Weg zu immer weiteren Höhen.

Die maximale Höhe, die sich jeder erwartet, kann dabei sehr unterschiedlich sein, je nach Ehrgeiz und realen Chancen. Doch auch bescheidene Erwartungen lösen intensive Hoffnungen aus und bittere Enttäuschung, wenn sie sich nicht erfüllen.

Eines ist dabei immer klar: Unglück und Unfälle, Krankheiten und Katastrophen können jeden Menschen treffen und seinen Lebensweg ändern oder beenden.

 

2.1 "GIPFEL"

Der Lebensweg steigt stetig zu einem Gipfel des Lebenserfolges an: erfolgreiche Ehe und Kindererziehung, Spitze der Berufslaufbahn, Höhepunkte in Sport, Reisen, politischen Ämtern. Nachher: Ernte, ruhiges Genießen, allmählicher Abstieg, Ruhe, Abschied.

Dem entspricht auch der jahreszeitliche Lebenszyklus: Jugend ist Frühling, Erfolg ist Sommer, Ernte ist Herbst, Alter ist Winter.

100 = höchste Stufe der persönlichen Lebensentwicklung, volle Entfaltung des Potentials
50 = unvollständige Entfaltung des Lebenspotentials
20 = stark reduziertes Dasein
0 = Nicht-Leben

 

2.2 "PLATEAU"

Der Lebensweg steigt eher langsamer an und mündet – im günstigen Fall – auf einem Plateau des erfüllten Lebens: eigene Familie, "eigenes Haus", gesichertes Einkommen und Auskommen, gefestigte soziale Stellung, Ehre und Ehrenämter. All das verbleibt auch noch, wenn die Kinder groß sind, auch noch im Pensionsalter, und das Ende sportlicher Höchstleistungen und beruflicher Positionen wird durch das "gute Leben" als Senior und die neuen Erlebnishorizonte nach der Befreiung von der Berufsarbeit großteils wettgemacht.

Das Plateau erstreckt sich bis zum Lebensabschied – der nur als kurze Endphase gesehen wird.

100 = höchste Stufe der persönlichen Lebensentwicklung, volle Entfaltung des Potentials
50 = unvollständige Entfaltung des Lebenspotentials
20 = stark reduziertes Dasein
0 = Nicht-Leben

 

2.3 "REIFUNG"

Der Lebensweg wird geistig oder metaphysisch verstanden, unabhängig von körperlicher Fitness und sozialem Erfolg. Richtig gelebt ist das individuelle Dasein ein Reifungsprozess zu immer höheren Graden der geistigen Unabhängigkeit von Körperzuständen und äußeren Einflüssen, der Komplexität des Verstehens, der Eingebundenheit in die überindividuellen Gesamtheiten.

Die Reifung kann auch Gesundheit und Erfolg bringen. Doch ist das akzidentell, günstiges Begleitprodukt; die Reifung soll auch aus dem Leiden noch Sinn und Impuls finden.

Der Aufstieg endet erst mit dem Tod – der im Ideal dieses Lebensentwurfes noch ein persönlicher Akt der Vollendung ist.

100 = höchste Stufe der persönlichen Lebensentwicklung, volle Entfaltung des Potentials
50 = unvollständige Entfaltung des Lebenspotentials
20 = stark reduziertes Dasein

0 = Nicht-Leben

 

Da es sich beim Life Script um ganz persönliche Erwartungen handelt, mit tiefgreifenden Hoffnungen und Ängsten, nach denen sich viele Entscheidungen ausrichten, übt dieser Lebensentwurf auch starke Wirkungen auf die tatsächliche Lebensgestaltung aus. Er hat den Charakter einer "self fulfilling prophecy".

In der Häufung beeinflussen die individuellen Lebensentwürfe die Gesellschaft, wahrscheinlich noch mehr als die von der Gesellschaft etablierten Lebensphasen. Dazu einige Hinweise:

- Das Gipfel-Leitbild macht die Jugend ungeduldig und erlebnisgierig, die Älteren krank und pessimistisch – beides behindert eine Gesellschaftspolitik der "Nachhaltigkeit" und des "langen Atems".

- Das Plateau-Leitbild (heute weit verbreitet) stellt finanziell hohe Anforderungen an die Pensionskassen und das von den Älteren besonders beanspruchte Gesundheitssystem – was politisch schwer zu verkraften ist, solange nicht die Berufstätigen zu beträchtlicheren Opfern für die Altersversorgung bereit sind.

- Das Life Script der steten Reifung hat nur dort für die Allgemeinheit genügend Realitätswert, wo die Kultur tatsächlich die Chancen der lebensbegleitenden Weiterbildung und der sozialen Entfaltung bis ins hohe Alter bietet – und die herrschende Philosophie der geistigen Reifung Wert verleiht.

 

In den modernen Gesellschaften existieren diese drei Typen von Life Scripts nebeneinander. Es spricht viel dafür, daß Gesellschaften mit einem starken Anteil des Lebensleitbildes der Reifung, und damit auch mit mehr Optimismus, intelligenter und effizienter sind.

 

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