Offenberger Dialoge

Solidarität zwischen den Generationen -
Wunsch oder Wirklichkeit?


Konsequenzen des demographischen Wandels

 

Prof. Dr. Dr.hc Ursula Lehr
23. Oktober 1998

 

 

I. Der demographische Wandel

Immer mehr Menschen erreichen ein immer höheres Alter.

1)     Die Lebenserwartung ist enorm gestiegen und liegt heute in unserem Land für den neugeborenen Jungen bei 73 Jahren und eines neugeborenen Mädchens bei 80 Jahren! Der 60jährige hat im Durchschnitt noch etwa 23 Lebensjahre vor sich - ein Viertel seines Lebens! Welch lange Zeit! Dies ist eine Lebensphase, auf die die wenigsten vorbereitet sind.

2)     Wir leben in einem alternden Volk. Der Anteil der über 60jährigen (5% um die Jahrhundertwende) ist heute bei 21%, in 8 Jahren bei 26% und 2030 bei 38%. - Schon heute sind 25,7% aller Frauen 60 Jahre und älter, knapp 16% aller Männer. Aber auch der Anteil der über 80-90-100jährigen steigt (1994: 4602); im Jahre 2000 werden es etwa 12-13000 sein.

3)     Das Verhältnis der Generationen hat sich verändert; kamen vor 100 Jahren auf einen über 75jährigen noch 79 Jüngere, so sind es heute 12! Wir haben einen Rückgang der 3- und auch der 2-Generationenhaushalte, - eine Zunahme der 1-Generationen- und 1-Personenhaushalte (zunehmende Singularisierung).

Etwa 35% aller 34 Millionen Haushalte in der Bundesrepublik sind 1-Personen-Haushalte. In der Gruppe der 65-70jährigen leben 35% der Frauen und 11% der Männer in Ein-Personen-Haushalten; in jener der 70-75jährigen sind es sogar 51% der Frauen und 13% der Männer und bei den über 75jährigen leben 68% der Frauen und 26% der Männer in einem Einpersonen-Haushalt. In den Städten kommen Ein-Personen-Haushalte weit häufiger vor als in ländlichen Gegenden.

Wenn man auch das Leben in einem Einpersonenhaushalt keinesfalls mit Einsamkeit gleichsetzen darf (wie das fälschlicherweise in den Medien oft geschieht) und die meisten Älteren auch mit ihrem Ein-Personen-Haushalt sehr zufrieden sind, so ergeben sich doch Probleme, wenn einmal Hilfsbedürftigkeit eintritt.

Wir haben einen Rückgang der Haushaltsgrößen, aber gleichzeitig eine Zunahme der 3- und 4-, manchmal sogar 5-Generationen-Familien. Rund 20% aller über 60jährigen haben Urenkel; rund 20% haben aber auch noch lebende Eltern. In unserer Interdisziplinären Studie über das Erwachsenenalter und Alter hatten die Mittsechziger (Jahrgang 1930/32) noch zu 36% lebende Eltern(teile); 18%, also die Hälfte davon, sogar lebende Eltern und Schwiegereltern. Die Großelterngeneration als "sandwich-generation", die sowohl für Kinder und Enkelkinder als auch für die eigenen Eltern zu sorgen hat.

4)     Der 3-Generationen-Vertrag ist zu einem 5-Generationen-Vertrag geworden. Wir werden älter, sind gesünder als es unsere Eltern und Großeltern waren und arbeiten weniger (statt von 15-75 Jahre nur von 25-58 Jahre; - statt 60 Wochenstunden oder 48, 45, 40 Wochenstunden nur noch 38,5 oder bald 35 Wochenstunden,- statt einer 7- oder 6-Tagewoche nur noch eine 41/2- Tage-Woche, - statt 12 Tage Ferien im Jahr haben wir heute 30 Tage Ferien). Diese 25-58jährigen haben schon heute für 2 Generationen in der Ausbildung und für 2 Generationen im Rentenalter aufzukommen. Langlebigkeit verpflichtet, verpflichtet uns Ältere, nicht alles auf die "mittlere Generation" abzuwälzen. - Langlebigkeit verpflichtet uns aber auch zu einem "gesunden Altern".

5)     Altern muss nicht Pflegebedürftigkeit bedeuten. Gesundes Altwerden ist eine lebenslange Aufgabe - eine Aufgabe, die in frühester Kindheit (eigentlich schon in der Schwangerschaft) beginnt, ist eine Aufgabe für das Schulkind, den Jugendlichen, den jungen Erwachsenen.

Bei den 60-85jährigen liegt der Anteil der Pflegebedürftigkeit bei 5-8%; erst in der Gruppe der über 85jährigen sind rund 25% hilfs- und pflegebedürftig. D.h. aber, dass immer noch über 70% der Hochaltrigen den Alltag kompetent meistern kann.

Vielfach wird der Fehler gemacht, dass man von dem Anteil der bisher Pflegebedürftigen für die Zukunft einfach hochrechnet: die über 85jährigen nehmen zu, also wird auch der Anteil der Pflegebedürftigkeit steigen. Hier ist Vorsicht geboten. Viele Studien zeigen, dass man sich bei solchen Hochrechnungen hinsichtlich des Anteils der Pflegebedürftigen meist überschätzt. So heißt es beispielsweise in dem im letzten Jahr herausgegebenen Forschungsbericht des Interfakultären Zentrums für Gerontologie in Genf: Die Gesundheit der älteren Bevölkerung zeigt von 1979 bis 1994 markante Verbesserungen. Ebenso hat im letzten Jahr MANTON von der Duke-Universität in Durham, NC, festgestellt: Senioren bleiben länger gesund. In 1996 lag in den USA die Zahl der abhängigen, hilfsbedürftigen Senioren eine Million niedriger als man es 1982 vorausgeschätzt hatte. - Zweifelsohne tragen dazu die Fortschritte der Medizin in Diagnose und Therapie bei, aber auch der gesundheitsbewusstere Lebensstil im Hinblick auf die Notwendigkeit körperlicher Bewegung und gesunder Ernährung.

 

1. Familienpflege hat ihre Grenze

Dennoch, auch wenn der Anteil der Pflegebedürftigen nicht in diesem erwarteten Maß steigen wird, kommen auf unsere Gesellschaft erhebliche Herausforderungen zu. Werden heute noch rund 75% der Pflegebedürftigen von ihren Angehörigen versorgt, so muss man prognostizieren, dass diese Zahl erheblich zurückgeht. Familienpflege hat ihre Grenzen, die wir rechtzeitig erkennen und einplanen sollten. Angehörige werden morgen und übermorgen weit weniger die Pflege und Versorgung übernehmen können,

- angesichts der Tatsache, dass die Pflegebedürftigkeit in einem immer höheren Alter auftritt und damit die potentiellen Pflegekräfte (Ehepartner, Töchter) selbst auch älter sind und Pflege für sie schon körperlich eine Überforderung bedeutet. - Schon heute sind (einer Studie in Nordrhein-Westfalen zufolge - 50% der pflegenden Angehörigen Frauen über 65 Jahre, 25% sogar Frauen über 75 Jahre. Diese pflegenden Angehörigen brauchen selbst Hilfe und Entlastung; die Forderung einer Qualitätssicherung der Pflege ist hier besonders zu unterstreichen;

- angesichts der Tatsache, dass viele der Älteren von morgen überhaupt keine Kinder haben, kinderlos geblieben sind,

- angesichts der Tatsache, dass die Kinder- sofern eins oder zwei vorhanden sind- immer seltener in der Nähe des Wohnorts leben werden, was heute noch der Fall ist. Die wirtschaftliche Situation, die Situation auf dem Arbeitsmarkt, die zunehmende Globalisierung und das Vereinte Europa wird dazu führen, dass man im Hinblick auf die Arbeitsstelle flexibel sein muss;

- angesichts der Tatsache, dass die meisten Senioren selbst ein Zusammenwohnen mit den Kindern und deren Familien ablehnen, also nicht etwa an den Wohnort der Kinder nachziehen werden (wobei eine Aufgabe des alten Bekanntenkreises auch nicht unproblematisch wäre).

Mit anderen Worten: wir brauchen in Zukunft mehr professionelle Hilfe, wir brauchen einen Ausbau der Pflege- und Versorgungsdienste. Dabei gilt immer noch der Satz "ambulant vor stationär", - wenngleich für manch einen pflegebedürftigen Älteren eine stationäre Unterbringung günstiger wäre. Altenheime und Pflegeheime werden auch in Zukunft immer noch gebraucht werden.

Allerdings gilt auch die Forderung, die sogar im Pflegegesetz verankert ist: "Rehabilitation vor Pflege". Hier muss weit mehr getan werden. Außerdem sollten die Bemühungen im Bereich der Prävention verstärkt werden. "HEALTHY AGING" ist das Motto der WHO. Gesundes Altwerden ist dann eine Aufgabe, die im mittleren und höheren Erwachsenenalter von ganz großer Bedeutung ist - eine Aufgabe, die uns alle angeht.

 

2. Healthy aging als Herausforderung

Doch Gesundheit, was ist das eigentlich?

1) Gesundheit ist nicht nur das Fehlen von Krankheit; (bei dem Fortschritt der Medizin und der Medizintechnik, bei den immer neuen und gründlicheren Diagnosemöglichkeiten gilt ja bald die Feststellung: "gesund ist schlecht diagnostiziert", denn jeder hat irgendwo irgendwelche kleineren oder größeren Probleme).

2) Gesundheit ist vielmehr - der WHO-Definition entsprechend - "körperliches, seelisch-geistiges und soziales Wohlbefinden". Es kommt also nicht darauf an, ob man laut Arzturteil und Laborbefund gesund ist, sondern auch, ob man sich gesund fühlt. Der sogenannte "subjektive Gesundheitszustand" ist, wie unsere, aber auch internationale Untersuchungen zeigen, ganz entscheidend für eine Lebensqualität im Alter.

3) Gesundheit schließt aber auch die Fähigkeit mit ein, mit etwaigen Belastungen, mit Einschränkungen, mit Behinderungen (im körperlichen, seelisch-geistigen und sozialen Bereich) sich auseinander zusetzen und adäquat damit umzugehen.

Diskutiert man heutzutage "Gesundheit" unter dem Aspekt der Prävention, der Vermeidung von Risikofaktoren, dann erwähnt man zuerst - mit Recht! - gesunde Ernährung, Verzicht auf Drogen, Nikotin, Alkohol, die Notwendigkeit körperlicher Bewegung, Hygiene (Zahn- und Mundpflege eingeschlossen) und die Wahrnehmung von Vorsorge-Untersuchungen. Dass es aber auch ganz stark darauf ankommt, schon in jungen Jahren die Fähigkeit zu entwickeln, mit Stress und Belastungen sich auseinander zusetzen, damit adäquat umzugehen, das vergisst man gerne. Und wir werden uns sogar zu fragen haben, ob manche gutgemeinten Erziehungsweisen, die dem Kind und Jugendlichen Stress und Belastung fernhalten wollen, die ihm alle Schwierigkeiten aus dem Weg räumen, letztendlich die Chance nehmen, aktive Auseinandersetzungsformen mit Problemen einzuüben und statt dessen die Flucht in eine Traumwelt zu begünstigen. Ein Teil unserer Drogenproblematik dürfte auch unter diesem Aspekt zu sehen sein.

Darüber hinaus hat Wohlbefinden auch etwas zu tun mit "Gebrauchtwerden" mit einem "feeling of being needed" zu tun.

 

II. Generationen im Familienverbund - ein gegenseitiges Geben und Nehmen.

1. Die Alten, die Sündenböcke der Nation?

Eine Gesellschaft für alle Lebensalter - eine Gesellschaft für alle Generationen, das ist das Thema des Internationalen Jahres der Senioren. Bei der Aufarbeitung der Thematik wird der Generationenbegriff meistens sehr einseitig gesehen.

Diskutiert man finanzielle Probleme, die sich aus dem demographischen Wandel ergeben, spricht man von "Generationenkonflikt", dann stellt man die Generation der im Erwerbsleben Stehenden der Generation der Rentner gegenüber und beklagt die hohen Abgaben für Sozialbeiträge und Rentenkassen. Dass die Generation der derzeit im Erwerbsleben Stehenden darüber hinaus auch für die junge Generation aufzukommen hat, durch ihre Abgaben den ganzen Bildungsbereich bezahlt und den Jüngeren eine Ausbildungszeit bis in das 4.Lebensjahrzehnt hinein finanziert, vergisst man gerne. -

Bedenken wir doch: der demographische Wandel, den man gerne für finanzielle Belastungen verantwortlich macht, ist bedingt durch eine verlängerte Lebenserwartung, die an sich zu begrüßen ist, ebenso durch eine nachlassende Geburtenrate, die zu bedauern ist. Die Misere in den Rentenkassen ist aber auch bedingt durch eine verlängerte Jugendzeit, die in diesem Zusammenhang selten diskutiert wird. Das heißt: finanzielle Belastungen der im Arbeitsleben Stehenden ergeben sich nicht nur durch die vielen Alten (von denen manche ja noch gerne berufstätig wären, wenn die Situation am Arbeitsmarkt eine bessere wäre), sondern auch durch die vielen Jugendlichen im dritten und zu Beginn des 4.Lebensjahrzehntes, die ihren Weg in das Berufsleben noch nicht gefunden haben und so noch nicht in die Rentenkassen einzahlen.

Während viele unserer heutigen Rentner auf 45 Berufsjahre zurückblicken können (bei einer 60-bezw.48 Stunden-Woche, bei Samstagen als volle Arbeitstage, bei 12 Tagen Jahresurlaub, der erst 1957 auf 14 (!) Tage erhöht wurde), in die sie in die Rentenkassen einbezahlt haben, werden jüngere Generationen nur mit Mühe eine Zeit von 35 Jahren erreichen (bei einer 38-Stunden-Woche und 30 Tagen Jahresurlaub, Samstag nicht mit einbezogen), in denen sie das Ihre zur Rente beitragen. - Ein Aufruf zu einem Kampf der Generationen, wie man ihn seitens einiger Mittdreißiger (die selbst nach einem überlangen Soziologie- oder JuraStudium eben erst ins Berufsleben eingestiegen sind) hört, ist hier gewiss nicht angesagt.

 

2. Trotz veränderter Familienstrukturen starke Familienbeziehungen.

Diskutiert man familiäre Generationenbeziehungen, dann hat man fälschlicherweise vielfach nur "Junge" und "Alte" im Blick, - das heißt man diskutiert das Verhältnis der unter 20Jährigen zu den über 60Jährigen, das Verhältnis zwischen Großeltern und Enkeln. (Diese Schieflastigkeit zeigen auch einige Sonderprogramme des BMFSFJ). Und das ist wiederum sehr einseitig. Einmal sind heutzutage Urgroßeltern absolut üblich; es existieren also zwei Generationen im Rentenalter. Zum anderen sollten die mittleren Generationen, die 20-60jährigen, auch in familiäre Betrachtungen weit stärker mit einbezogen werden - und zwar Männer und Frauen.

Freilich, Veränderungen der Familiensituation haben wir zu konstatieren. Sie ergeben sich einmal aus dem demographischen Wandel bezw. bewirkten erst diesen (zunehmende Langlebigkeit und nachlassende Geburtenzahlen). Zum anderen aber haben wir im Vergleich zu Beginn bezw. zur Mitte unseren Jahrhunderts erheblich veränderte Familienstrukturen und somit erheblich veränderte Lebenssituationen.

- Heutzutage leben sehr oft 4 Generationen, manchmal sogar 5 Generationen einer Familie zur gleichen Zeit, wenn auch nicht am gleichen Ort bezw. im gleichen Haushalt;

- Wir haben eine Entwicklung von der Großfamilie zur Kernfamilie bezw. vom Drei-Generationen-Haushalt zum 2-und 1-Generationen-Haushalt bezw. Ein-Personen-Haushalt.

- Ein-Generationen-Haushalte haben in den letzten Jahrzehnten enorm zugenommen und betragen derzeit knapp 35% aller Haushalte. In der Gruppe der über 75jährigen leben in Deutschland 68% aller Frauen und 28% aller Männer in Ein-Personen-Haushal-ten. Wir haben einen zunehmenden Trend zur Singularisierung, - den man jedoch keinesfalls mit zunehmender Einsamkeit oder Isolation gleichsetzen sollte.

- Wir haben eine Entwicklung von der Mehrkinder-Familie zur Ein- und Zweikind-Familie.

- Wir haben eine Zunahme der Lebensgemeinschaften ohne Trauschein bezw. ein zunehmend späteres Heiratsalter.

- Wir haben eine Zunahme kinderloser Paare.

- Das Alter der Erstelternschaft erhöht sich.

- Die Scheidungsrate steigt an.

- Die Anzahl der Ein-Eltern-Familien nimmt zu.

Doch darin sollte man keine Auflösung der Familie sehen! Alle Untersuchungen sprechen für eine starke familiäre Interaktion. - Heutzutage sind Generationenkonflikte in der Familie äußerst selten. Viele Studien zeigen, dass die familiäre Verbundenheit heute sogar stärker ist als je zuvor, als die gegenseitige finanzielle Abhängigkeit weit größer war. Sowohl die Alterssicherung als auch Ausbildungsbeihilfe tragen dazu bei, dass Alte und Junge finanziell weniger aufeinander angewiesen sind und eine größere Unabhängigkeit voneinander haben. Heute sind es vielmehr innere Bande, welche die früher notwendigen äußeren Bande ersetzen. Freilich, man wohnt nicht mehr zusammen, aber man nimmt intensiv Anteil am Leben der Eltern, Großeltern, der Kinder und Kindeskinder. "Innere Nähe durch äußere Distanz" kennzeichnet das Verhältnis der Generationen zueinander.

 

3. Der Generationenkonflikt - Realität oder herbeigeredet?

Im Mai letzten Jahres ist die 12. SHELL-Jugendstudie im Beisein von Bundesministerin für Familie und Senioren, Frauen und Jugend der Öffentlichkeit vorgestellt worden. Durch die Tageszeitungen ging das Bild der Politikverdrossenheit der Jugend, der

"Jugend ohne Zukunftsperspektive", die wir Alten den Jugendlichen verbauen, der Angst schon der 12 (!) bis 24jährigen um die Zukunft ihrer Renten. "Die gesellschaftliche Krise hat die Jugend erreicht", war das Fazit, das aus den Daten gezogen wurde. -

Man hat - sich auf biographische Portraits berufend - 6 Skalen neu entwickelt, darunter Skalen "Erlebter Gegensatz der Generationen" (neben "Desinteresse der Politik an Jugend", "Persönliche Distanz zur Politik", "Politische Wirksamkeit", "Motivation zum Engagement"), Skalen, die einer sorgsam ausgesuchten Stichprobe von über 2000 Jugendlichen vorgelegt wurden.

Die Ergebnisse sind alarmierend und stellen eine Solidarität absolut infrage. Die Autoren fassen die Erkenntnisse wie folgt zusammen (1997, S.17): "Die Ursachen für das Sinken der gesellschaftlichen Chancenstruktur der heutigen Jugend sehen diese (Jugendlichen) im Tun bzw. Unterlassen der Erwachsenengeneration und insbesondere der Politiker und der politischen Parteien." Jugendliche sehen sich "in der Rolle,...die Fehler und Versäumnisse früherer Generationen und der heutigen Erwachsenengeneration ausbaden zu müssen."

Sieht man sich jedoch die vorgegebenen Fragen an, die mit 1 (trifft überhaupt nicht zu) bis 4 (trifft sehr zu) beantwortet werden sollten, dann lauten diese

- Die Erwachsenen leben heute schon auf Kosten der jungen Generation;

- Die Erwachsenengeneration verbaut durch ihre Politik heute unsere Zukunft (2,83)

- Unter den Fehlern der heutigen Politik werden wir in Zukunft zu leiden haben (3,10);

- In der Politik spielt die Zukunft der jungen Generation keine Rolle;

- Die Erwachsenen denken nur an ihre eigenen Interessen, die Zukunft der Jugend ist ihnen egal (2,47);

- Die Politik spart vor allem dort Geld, wo es um die Zukunftschancen der Jugend geht (2,82);

- Zwischen den Interessen der Erwachsenen und denen der Jugendlichen herrschen starke Gegensätze.

Danach können wir keine Solidarität zwischen den Generationen erwarten. Die Jugend kritisiert nur die Erwachsenen und lehnt sie ab. - Doch, ist die Jugend von heute wirklich so?

Dass 1992, vor 5 Jahren, noch 59% optimistisch in die Zukunft blickten, heute -nach derartigen Fragen - aber nur noch ein Drittel "eher zuversichtlich" in die Zukunft schaut, wundert eigentlich nicht. Der heutigen Jugend wurde ja in dieser vielzitierten Studie überhaupt keine Chance eingeräumt, sich positiv zu äußern. Grundsätze einer sozialwissenschaftlichen Fragebogenstudie, wonach der Anteil negativer und positiver Äußerungen gemischt ist und gleich stark vertreten sein muss, sind hier nicht beachtet worden. Jugendliche hatten bei dieser Befragung ja gar nicht die Gelegenheit, positive Generationenbeziehungen und Solidarität zum Ausdruck zu bringen. Fragen wie z.B. "Unseren Wohlstand verdanken wir den Älteren", oder "Wir Jungen haben heutzutage viel bessere Bildungschancen als Generationen vor uns", oder "Ältere verzichten auf vieles zugunsten von uns Jugendlichen" oder "Es gibt durchaus auch Interessen, die ich mit Erwachsenen teilen kann" und ähnliche fehlen. (Dabei muss man feststellen: "Erwachsene ist ein undifferenzierter Begriff, der 25/30jährige bis über 100jährige erfasst.) Auch Fragen eines eigenen positiven Ausblicks auf die Zukunft sind erheblich unterrepräsentiert; man findet sie kaum. Mit anderen Worten: Die Studie sagt mehr über die Autoren aus, die den Fragebogen entworfen haben, als über die Jugendlichen selbst.

Damit ist diese neueste Studie wieder einmal ein Paradebeispiel für das Herbeireden eines Generationenkonfliktes, auch wenn es hier primär um den Konflikt zwischen Jugendlichen und Erwachsenen geht, weniger eindeutig um den zwischen Jung und Alt. Fest steht auf jeden Fall, dass eine solche Erhebung und solche Ergebnisse eher geeignet sind, eine vielleicht sogar vorhandene Solidarität zwischen den Generationen zu zerstören. -

Ein Konfrontationskurs der Generationen, wie er auch in modernen Büchern wie "Die Alterslüge" von Heidi SCHÜLLER (1995). "Die Altenexplosion" von Hans MOHL (1993) oder "Der Abschied vom Wolfsrudel" von Reiner GRONEMEYER (1989) herbeigeredet oder gar heraufbeschworen wird, schadet allen Generationen und verhindert geradezu ein Miteinander und Füreinander, auf das alle Generationen ein Leben lang angewiesen sind. Da hilft es nicht weiter, wenn Hans MOHL die Frage stellt "Gibt es bald einen "Krieg der Alten", welche eine "Pflicht zu sterben" haben, welche "zu teuer" werden - im Hinblick auf Rentenzahlungen und Krankenkostenerstattungen zumal "das Gesundheitswesen ein Fass ohne Boden" sei. - Da hilft es ebenso wenig weiter, wenn GRONEMEYER schon vor nunmehr 7 Jahren feststellte: "Immer mehr Junge müssen immer mehr arbeiten, um Renten und Intensivstationen für die Alten zu bezahlen" - oder wenn Heidi SCHÜLLER von der "Vergreisung der Republik" spricht und den Generationenkonflikt in unserer Gesellschaft zusätzlich entfacht, schürt und verstärkt wenn sie feststellt "Die Versorgungsansprüche der Alten drohen die junge Generatioin zu überfordern", - und sie dann sogar der älteren Generation ab 70 das Wahlrecht abspricht. Dafür soll es dann den 16- und bald sogar den 14jährigen gegeben werden!

Heide SCHÜLLER, selbst Mittelalter bezw. zu den "älteren Arbeitnehmern" zu rechnen (Jahrgang 1950), verbreitet ein völlig verzerrtes Altersbild und verallgemeinert ihre als Ärztin auf der Intensivstation gemachten Beobachtungen auf d i e ältere Generation, wenn sie beispielsweise über die 70jährigen schreibt (S.43): "Es sind keine komplizierten Zusammenhänge mehr, die das Greisenhirn beschäftigen, sondern schlichte, einfache Gefühle und Stimmungen - affektlabil und unberechenbar. Die Aktualität verliert an Bedeutung, der Blick ist rückwärts gerichtet, die Vergangenheit dominiert Gegenwart und Zukunft. Die Haltung ist gebeugt, das Gesichtsfeld stark eingeengt; die Zukunft liegt nicht mehr vorn, sondern unten." -

Einem solchen Altersbild widersprechen alle wissenschaftlichen Untersuchungen in der ganzen Welt. DAS ist nicht die Situation der älteren Generation! Vielleicht sind hiermit - in liebloser Weise - 5-10% der über 85jährigen erfasst, - doch ein solches generalisiertes Bild von der älteren Generation ist schädlich für Alt und Jung! Durch eine solche einseitige Sicht des Alters machen wir Ältere erst zur Problemgruppe! Durch eine solche einseitige Sicht des Alters erschweren wir die Solidarität zwischen den Generationen erheblich!

Wir sollten uns bemühen, die Diskussion zu versachlichen. Wir sollten vor Spannungen zwischen den Generationen und Generationskonflikten nicht die Augen verschließen, sie aber auch nicht herbeireden!

 

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